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Gérard Alamargot et Georg Bläsi: Des voisins mystérieux

C’est un livre facile après la première année de français. C’est l’histoire de cinq jeunes, qui s’appellent Nicole, Pierre, Marc, Chantal et Steffi. Nicole et Pierre vont faire du camping avec leurs cousins Marc et Chantal.

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Weihnachtsbasar für Centar Duga 23. bis 25.11.

Weihnachtsbasar am Leibniz-Gymnasium

 

Sie heißen Azra, Senad, Jasmin, Sabid. Ihre Schicksale lesen sich wie Schauergeschichten aus den Armenhäusern und Krisengebieten dieser Welt, doch sie wachsen mitten in Europa auf, in einem Land, in dem seit zehn Jahren Frieden herrscht, in Bosnien. Die Verheerungen dieses Krieges dauern bis heute an.

Die Minen sind inzwischen weitgehend geräumt. Doch der soziale Sprengstoff ist eine Hinterlassenschaft dieses Krieges, die bis heute tötet.  Groß ist der Kontrast zum Leben im Centar Duga in Kulen Vakuf, einer Modelleinrichtung, die in der bosnischen Öffentlichkeit Aufsehen erregt, weil sie hier ein Novum darstellt. Vor dem Krieg waren es die Großfamilien, die sich um die Schwächsten kümmerten. Diese traditionelle Struktur wurde durch den Krieg weitgehend zerstört.

Vor zehn Jahren gründete eine kleine Gruppe engagierter Menschen das Kinderhaus Centar Duga und gewährleistet seither mit großem Einsatz seinen Fortbestand. Fünfundzwanzig Kinder können hier leben und sich frei von den lebensbedrohenden Umständen, in die sie geboren wurden, entfalten. Und genauso lange wird dieses Projekt von den Schülerinnen und Schülern des Leibniz-Gymnasiums unterstützt. Ein Jubiläum steht also ins Haus, das am 2.Dezember mit einer großen Benefizauktion gefeiert werden soll. Wer sich schon vorher mit ersten Weihnachtsgeschenken eindecken will, ist herzlich zum traditionellen Weihnachtsbasar in die Schule eingeladen. Im Rahmen der Elternsprechabende am 23. und 25. November verkaufen die engagierten Jugendlichen geschmackvolles Kunsthandwerk und selbstgemachte Köstlichkeiten. An beiden Tagen ist der Basar in der Aula des Gymnasiums geöffnet.

 

Jubiläumsauktion am 2.12.

Zehn Jahre „Centar Duga“ am Leibniz-Gymnasium

Große Jubiläumsaktion am 2. Dezember

 

„Wann backen wir eigentlich wieder für Centar Duga?“ – Diese Frage, gestellt im Religionsunterricht der 10. Klasse, hat nur auf den ersten Blick nichts mit Schule zu tun. Denn seit nunmehr zehn Jahren helfen die Schülerinnen und Schüler in Altdorf bei der schwierigen Finanzierung der laufenden Kosten im Kinderheim Centar Duga und erfahren somit praktisch, was gelebte Nächstenliebe bedeutet. Sie kennen das Haus von Fotografien, die der Religionslehrer Bernd Mittenzwei von seinen Reisen nach Bosnien mitbringt, kennen die teils unvorstellbaren Lebensumstände der Familien und die Schicksale der Kinder, die in dem 1999 von engagierten Menschen aus Franken und der Oberpfalz errichteten Haus für die jüngsten Opfer eines längst vergessenen Krieges leben.

 

„Azra ist ein Kind des Krieges. Wir haben sie im März 1997 im Zentralkrankenhaus Bihac zum ersten Mal gesehen. Sie wurde im August 1997 von der Familie nach Hause geholt, wo wir sie auf einer Pritsche liegend und vor Fliegen übersät wiedersahen. Ihr Zuhause besteht aus einem neun Quadratmeter großen Raum, den sich eine sechsköpfige Familie teilte. Der Vater hat im Krieg einen Kopfschuss erlitten, er ist Epileptiker und Alkoholiker. Die Mutter trinkt mit. Sie kann nicht lesen und schreiben. Azra wurde so schwer vernachlässigt, dass lebensrettende Maßnahmen notwendig waren. Als wir sie im Oktober 1998 mit erfrorenen Händen und schwarzer Zehe vorfanden, war die Entscheidung gefallen, ein Kinderheim zu bauen.“ 

Wenn Admir und Sabina Ljescanin, die das Centar Duga wie auch das Familienprojekt Duga Care leiten, von den Anfängen ihrer Hilfsaktion erzählen, dann scheint noch heute hinter aller Sachlichkeit auch ein wenig Erstaunen darüber auf, was in den zehn manchmal dramatischen Jahren seit der Eröffnung 1999 erreicht wurde

Ein kleiner Verein, „Schutzengel gesucht“, trägt alleine die finanzielle und personelle Verantwortung für das Projekt. Das konsequente pädagogische Konzept und die psychologische Begleitung der Kinder und der Erzieherinnen durch eine Erlanger Psychologin haben das Haus Regenbogen zu einem in ganz Bosnien bekannten Modellprojekt gemacht. Finanziert wird dies ausschließlich aus Spenden, die ohne jeden Abzug den Betrieb des Hauses sichern. Der Verein arbeitet zu hundert Prozent ehrenamtlich, zahlt keine Aufwandsentschädigungen, keine Reisespesen, keine Verwaltungsgebühren. Viele Menschen setzen ohne Entgelt viel Zeit ein, damit ansonsten chancenlose Kinder eine positive Perspektive für die Zukunft gewinnen.

 

Was läge näher, als mit all den Möglichkeiten, die eine Schule wie das

Leibniz-Gymnasium bietet, diese so sinnvolle und not-wendige Einrichtung zu unterstützen - zumal Erziehung zu sozialer Verantwortung ein immer dringlicherer Bildungsauftrag ist

Nach einem ersten Besuch Mittenzweis in Bosnien, just an dem Tag, als die ersten Kinder das Haus Regenbogen bezogen, bedurfte es nur einiger Diavorträge vor Eltern und Schülern, bis das "Projekt Centar Duga" am Leibniz-Gymnasium beinahe von selbst zu wachsen begann. Von den verschiedensten Seiten gingen Spenden ein: der Förderverein "Freunde des Leibniz-Gymnasiums", die Grundschule Winkelhaid, ungezählte Aktionen von Klassen, die spontan helfen wollten. Bei einem Laufaktionstag rannte die ganze Schulfamilie, Eltern, Kinder, Großeltern um die Wette, sogar der Lauftreff Altdorf verlegte sein Training auf den improvisierten Rundkurs um zu helfen. Eine Gruppe von Schülerinnen überraschte ihren Deutschlehrer mit einem selbst organisierten Stand auf dem Bauernmarkt, ganze Abiturjahrgänge spendeten stattliche Beträge, die Kollekten vieler Schulgottesdienste wurden auf Wunsch der Schülerinnen und Schüler dem gemeinsamen Projekt gewidmet und zahlreiche Privatpersonen beteiligten sich mit ihren Spenden.

 

Rückblickend auf zehn Jahre „Centar Duga am Leibniz“ ist Bernd Mittenzwei überwältigt von der spontanen Einsatzbereitschaft der Kinder und Jugendlichen, die den Slogan „Hilfe macht Schule“ mit Tatkraft und Leben füllen. Seit dem letzten Schuljahr tut dies vor allem der neu gegründete Arbeitskreis „Sozialprojekte“ der SMV. Die engagierten Schülerinnen und Schüler baten bei Firmen und in Geschäften der Region um Spenden und hatten dabei großen Erfolg: die Geschäftsleute zeigten sich äußerst angetan und spendabel, eine Fülle hochwertiger Sachspenden kam zusammen. Diese sollen nun im Rahmen einer großen Versteigerung in bare Münze für Centar Duga verwandelt werden. Am Mittwoch, 2. Dezember um 18:30 Uhr (auch spätere Gäste sind noch herzlich willkommen) besteht also für alle, die nach wirklich Freude bringenden Weihnachtsgeschenken suchen, die einmalige Möglichkeit, frei vom Konsumrummel, im Rahmen einer unterhaltsamen Versteigerung den Weihnachtseinkauf zu erledigen und dabei auch noch Gutes zu tun. Denn selbstverständlich wird der Erlös der Versteigerung wie bei allen Centar Duga-Veranstaltungen am Leibniz zu hundert Prozent den bosnischen Kindern zugute kommen. Als Auktionator konnte Dr. Martin Braun gewonnen werden, der zusammen mit einem Schüler als „Der Große und der Kleine“ durch den Abend führen wird. SMV und Elternbeirat sorg für Getränke und Imbiss, Livemusik von „Unbekannt“ bringt den nötigen Schwung und Bernd Mittenzwei erzählt anhand von Bildern die Geschichte des Centar Duga von den Anfängen bis heute. Die Veranstalter hoffen auf viele neugierige und engagierte Geschenkesucher in der Aula des Leibniz-Gymnasiums.

Große Versteigerung beim Sommerfest am 24.7.

Der Sozial-AK der SMV organisiert im Rahmen des Sommerfestes am Freitag, 24.7., eine große Versteigerung zugunsten des Centar Duga. Dr. Martin Braun wird ab 16:00 Uhr in der Physik-Aula allerlei hochwertigen Tand, kostbarstes Geraffel und edle Utensilien zu horrenden Schleuderpreisen versteigern: eine der wirklich seltenen Gelegenheiten, gute Geschäfte und gute Taten miteinander zu verbinden. Der Erlös der sicher sehr unterhaltsamen Auktion geht zu einhundert Prozent an den Verein "Schutzengel gesucht", der Centar Duga finanziert. Dieser Verein arbeitet rein ehrenamtlich, lediglich unerreichte ein Prozent fließen in die Verwaltung, 99 Prozent kommen also den Kindern im Centar Duga und den bedürftigen Familien in ihrem Umfeld zugute.

Ab 15:30 wird Bernd Mittenzwei mit einem kurzen Vortrag und vielen Bildern aus Bosnien ebenfalls in der Physik-Aula auf diese Aktion einstimmen.

Ein Beispiel: Die Hilfsaktion der 6A im Jahr 2006

Die Klasse 6A beschäftigte sich in einem Projekttag mit dem bosnischen Kinderhilfsprojekt Centar Duga. Die Kinder lasen Artikel, informierten sich im Internet, ließen einen Diavortrag
ihres Lehrers über das Kinderhaus in der Nähe von Bihac sehr gutwillig über sich ergehen und bestürmten ihn mit Fragen über dieses Haus, das er seit der Eröffnung bereits mehrfach besucht hat und das seit Jahren von unserer Schule unterstützt wird. Nach dieser ausführlichen Informationsphase erstellten die Schülerinnen und Schüler in Gruppen völlig selbstständig die Plakate, die auf den Fotos zu sehen sind. Ein Mädchen sagte am Ende des anstrengenden Tages: "Da machen wir was." - "Gute Idee", dachte der Lehrer, sagte es vielleicht auch und nahm sich vor, im Lauf des Schuljahres ein Projekt auf die Beine zu stellen. Wie viel mehr Schwung und Elan, Tatendrang und Organisationsvermögen bewiesen doch die Kinder: Eine Woche später, es war ein Freitag, wurde der Lehrer informiert: "Morgen haben wir einen Stand auf dem Bauernmarkt."
Genehmigung des Ordnungsamtes, des Bauernmarktvereins, Verkaufsware, Tische, eine Kasse, Transportmittel und ein Schichtplan waren auf das Beste organisiert. Den ganzen Vormittag über war der Stand besetzt, wurden Passanten angesprochen, wurde über Centar Duga informiert, und – sehr erfolgreich Handel getrieben: 130 € nahm die Mädchentruppe ein und überreichte sie an den Lehrer, der wieder einmal etwas dazugelernt hatte.

Der Trägerverein, „Schutzengel gesucht“, freute sich über die Eigeninitiative der Kinder umso mehr, als das Heim gerade durch eine Überschwemmung beschädigt worden ist und ohnehin völlig ohne staatliche Zuschüsse aus dem absolut mittellosen bosnischen Sozialministerium finanziert werden muss.

Für nähere Informationen: www.schutzengel-gesucht.de

Spendenkonto:             Raiffeisenbank Roth-Schwabach
Konto-Nr. 3064700, BLZ 76460015

Sparkasse Neumarkt
Konto-Nr. 8065294, BLZ 76052080

Sparkasse Eichstätt
Konto-Nr. 20110441, BLZ 72151340

                                                                                                          B.Mittenzwei

 

Nähe und Distanz: Ein Besuch in Centar Duga im Jahr 2003

Als ich im November ´99 zum ersten Mal nach Kulen Vakuf kam, das Haus sah, das noch nach frischer Farbe roch, Admir und Sabina kennenlernte und den Einzug der ersten Kinder mitbekam, war mir klar, dass dies eine Erfahrung mit Folgen sein würde. Was ich nicht wusste und mir nicht hätte träumen lassen, war die Entwicklung, die das Centar Duga nehmen würde. Während meiner zweiten Fahrt nach Bosnien, die ich zusammen mit der Psychologin Dorothea Weinberg unternahm, habe ich begriffen, dass es sich hier nicht um eine Arche handelt, in der die Kinder bloß untergebracht sind wie einst beim alten Noah, sondern um eine beschützende Einrichtung, die pädagogisch und zum Teil auch therapeutisch fundierte Arbeit leistet. Und dass dies auch bitter nötig ist angesichts der vielfältigen individuellen Probleme der Kinder einerseits und der sozialen Situation in Bosnien andererseits.  

Das Haus ist gegenüber dem Zustand vor zwei Jahren nicht wiederzuerkennen. Es ist von einer Wiese umgeben, darum herum ein Zaun, neben dem Haus ein Spielplatz, auch dieser noch einmal eingezäunt. Ein ganzer Fuhrpark von Kinderwägen und Bobbycars wartet aufgereiht auf die Kinder. Derzeit leben hier achtzehn kleine Menschen. Wer laufen kann, kommt angerannt, als Admir und die drei Fremden (Benita, eine Studentin, die fünf Jahre in Schwabach gelebt hat, begleitet uns um für Dorothea zu übersetzen) durch die Gartentür treten. Motorische Störungen sind bei vielen schon auf den ersten Blick nicht zu übersehen.

Ich erkenne Azra wieder - aber nur, weil ich neuere Bilder von ihr gesehen habe. Auf den ersten Blick ist sie ein freundliches, sehr bewegungsfreudiges Mädchen, ein Wildfang, der viel Aufmerksamkeit verlangt. Sie begrüßt mich Fremden mit einem nettenTätscheln und neugierigem Blick, geht dann weiter. Später der Hinweis von Admir, man wolle nicht, dass die Fremden, die kommen, zu intensiven Kontakt zu den Kindern aufnehmen, da sie durch das ständige Kennenlernen und auf Nimmerwiedersehen Verschwinden in emotionale Verwirrung geraten. So erlege ich mir Zurückhaltung auf. Die Bedeutung der Wahrung von Distanz zu den einen (den Fremden) und Nähe zu den anderen (den Erzieherinnen als wichtigste Bezugspersonen) wird sich später noch deutlicher zeigen.

In der folgenden Teambesprechung mit Dorothea und allen Erzieherinnen, die gerade im Haus sind, erstaunt mich einerseits die Genauigkeit, mit der die Frauen  die Kinder beobachten und andererseits ihr Bestreben, aus diesen Beobachtungen Konsequenzen für das eigene Verhalten abzuleiten. Deutlich wird auch die Autorität, die Dorothea bei ihnen genießt. Ihre Erklärungen und Handlungsempfehlungen haben augenscheinlich großes Gewicht, die Zurückhaltung der Frauen scheint jedoch bei diesem ersten Treffen groß.

Später sitze ich hoch oben über Kulen Vakuf . Unter mir kurvt der Fluss auf den Ort zu, verbreitert sich mächtig, bevor er Einzug hält unter der Brücke mit ihrem frisch gestrichenen himmelblauen Geländer. Die zwei Gostionas auf der dem Ortskern zugewandten Uferseite sind inzwischen wieder eröffnet worden, links sitzen die Alten, rechts die Jungen - Müßiggänger, die hier den heißen Nachmittag verbringen. Das Centar Duga ist der größte Arbeitgeber am Ort. Keine der dreizehn halbtags beschäftigten Frauen hat in den zwei Jahren gekündigt, keiner musste die Kündigung nahegelegt werden. Vielleicht liegt das an den Weiterbildungsmaßnahmen, an den Hospitationen in einer Modelleinrichtung in Ungarn, am gemeinsam erarbeiteten pädagogischen Konzept, vielleicht am guten Klima im Team, vielleicht auch an der Sorgfalt gegenüber den Mitarbeiterinnen, die sich zum Beispiel in der Ferienwohnung an der Adria ausdrückt, die jede von ihnen für eine Woche im Jahr mit ihrer Familie nutzen kann.

Keine Minenbänder mehr, die die Straßen oder den Weg hinauf zur Festung säumen. Viele unverputzte Häuser, dazwischen starren halbzerfallene Ruinen, die immer noch einen Rest von Nachkriegsstimmung verbreiten. Auf den Straßen zeigen sich Menschen - anders als vor zwei Jahren, damals wirkte das Dorf wie ausgestorben. Auffallend viele Kinder und Jugendliche. 

Spielende Kinder im Garten. Als wäre das ganz normal. Auch die Kleinen aus der ersten Gruppe werden nach draußen gebracht, sitzen in Laufställen oder im Buggy, beobachten die Nächstgrößeren aus Gruppe zwei, die sich auf dem Spielplatz vergnügen. Doch es ist ein fast stummes Vergnügen. Kaum eines der Kinder, die zwischen zwei und drei  Jahren alt sind, spricht. Kein Lachen, nur selten ein Protestschrei, ab und zu ein kleines Weinen von Semra, um die sich gerade Dorothea zusammen mit der Erzieherin Sandra bemüht. Sobald Semra ins Freie kommt, beginnt sie zu weinen, lässt sich nicht beruhigen, hängt an Sandra wie eine Klette. Später fotografiere ich eine Gruppe von Kindern, die mit zwei Erzieherinnen auf einer Decke sitzen und Süßigkeiten knabbern. Mitten dabei die kleine Semra. Alle hochkonzentriert und hochzufrieden. Schließlich kann Sandra sogar weggehen, Semra bleibt ruhig bei den anderen Kindern. Was so ein bisschen Knabberzeug und viel Zuwendung doch erreichen können! Die Aufmerksamkeit der Kinder wird jetzt von dem kleinen Nachbarshund gefesselt, der an den Zaun kommt. Große Aufregung, dieses für Kleine so typische Gemisch aus Freude,  Neugier und Angst - doch nach wie vor bleiben die Kinder stumm. Plötzlich steht Najdin vor mir, stumm, hebt die Arme, schaut mich an. Nach einer Weile, in der er sich nicht von der Stelle rührt und keinen Pieps macht, setze ich ihn auf mein Knie. Er spielt mit der Kamera, nimmt meine Hand, führt sie an seinen Mund, macht hohe Piepstöne daran, speichelt sie ein. Dann rutscht er von meinem Bein, geht ein paar Schritte weg, kommt wieder, hebt die Arme...  Das wiederholt sich etwa eine Stunde lang. Mittenzwei, du solltest doch Distanz wahren! Also setze ich ihn in den Sand, stehe auf und gehe ein Stück weiter zu Semra, die mit Benita spielt, lege mich ins Gras um sie zu fotografieren. Plötzlich kommt Najdin mit hängenden Armen um die Ecke gewackelt, klettert eine Weile tollpatschig auf mir herum und legt sich schließlich, halb auf meinem Bauch, zur Ruhe. Dabei habe ich nicht den Eindruck, er hätte mich besonders in sein Herz geschlossen. Sein Gesichtsausdruck bleibt derselbe: fast unbeteiligt. So bringt er mir einen Begriff davon bei, was Admir gemeint hat mit dem Erlernen von Nähe und Distanz, das für manche Kinder so schwierig und so wichtig sei, weil sie intensive Zuwendung und enge Beziehungen entbehren mussten. Vier Wochen war Najdin vor kurzem mutterseelenalleine im Krankenhaus gelegen um wegen früherer epileptischer Anfälle untersucht zu werden. Im Arztbericht wird die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Zweijährigen beklagt. Dummheit oder Überlastung? Oder Gleichgültigkeit? Für ein Kind mit einer Geschichte wie Najdin jedenfalls katastrophal.

Am nächsten Vormittag besuche ich mit Sabina drei Familien. Die erste, in Bosanska Krupa, zu der man über eine sehr baufällige Holzbohlenbrücke kommt , besteht aus sechs Kindern, dem durch eine Kriegsverletzung fast erblindeten Vater und der Mutter. Es geht so. Durch die Kriegskindernothilfe bekamen sie inzwischen 12 Hühner, ein trächtiges Schaf und eine trächtige Kuh, die mittlerweile zusammen mit ihrem Kalb für 1500 Mark verkauft wurde. So sagt der Vater. Auch bekamen sie vom Staat einen Bauplatz, der für 900 KM planiert worden ist. Doch sie fangen nicht an zu bauen. Das Geld reiche gerade mal für das Fundament, man brauche noch einmal so viel um überhaupt anfangen zu können, außerdem gebe die neue Kuh keine Milch und er brauche auch Heu für sie, das koste Geld. Sabina ist unzufrieden, befürchtet, dass der Erlös für die Kuh und das Kalb bereits in andere Kanäle geflossen sein könnte.

Wir fahren weiter zu einer Witwe, die mit ihren Kindern hinter Bosanska Krupa in einer kleinen, sehr alten und sehr baufälligen Hütte mitten im Wald lebt. Ein holpriger, ausgespülter Feldweg führt dorthin, nur bis zur Hälfte befahrbar, den letzten Kilometer müssen wir zu Fuß gehen. Eine Lichtung öffnet sich, auf der sich neben einem neueren unverputzten Haus das windschiefe Hexenhäuschen der Witwe seinem endgültigen Verfall entgegen neigt. In dem Neubau wohnt die Schwiegermutter, ganz alleine. Die beiden Frauen kommen nicht miteinander zurecht. So bleibt die Witwe mit ihren vier Kindern in dieser Bruchbude, durch deren Dach es hineinregnet. Im Sommer sind die zwei kleinen, fast fensterlosen Räume völlig überhitzt von dem Holzherd, auf dem gekocht wird, in den strengen Wintern dort oben pfeift der Wind durch zentimeterdicke Ritzen in den Wänden. Seit ein Mann, der in der Nähe wohnt, ab und zu kommt um ihr zu helfen, muss sie sich wüste Beschimpfungen der Alten anhören. Sie solle verschwinden und ihre Kinder gleich mitnehmen. Der eigentliche Grund der Misere liegt in ihrer rechtlosen Situation in der Großfamilie als alleinstehende Frau. Zwei Männer sind ihr schon weggestorben, der eine vor dem Krieg, der andere danach, so dass sie weder irgendeine staatliche Unterstützung bekommt noch - wie die Kriegswitwen - ein Recht auf eine Arbeitsstelle hat. Sie besitzt eine Kuh, ein paar Hühner und einen Gemüsegarten. Zusammen mit Sabinas monatlicher Lieferung, die sie seit zwei Jahren bekommt, genug zum Überleben. Mehr nicht. Vier Liter Öl, ein halber Zentner Mehl, Salz, Zucker, ein wenig Dosenwurst, Nudeln, Gewürze, Waschpulver, Seife und fünf Tafeln Schokolade.

Vor dem Haus trocknen Maiskolben in der Sonne. Die zahnlose Alte kommt dazu, erzählt mir wild gestikulierend von den Gemeinheiten des Lebens im Allgemeinen und ihres Sohnes im Speziellen, dem das Haus gehört, in dem sie wohnt. Für wen sie mich wohl halten mag? Ich nicke einfach und denke darüber nach, dass Armut zahnlos macht - auch die gerade erst vierunddreißigjährige Witwe hat nur noch einige wenige Ruinen im Mund.

Schließlich dann die Familie, die ich vor zwei Jahren als die Bahndammfamilie kennen gelernt habe und die gar nicht mehr in ihrem Verhau an den Gleisen wohnt. Damals hatte Admir auf dem Rückweg, während ich über die unsägliche Verwahrlosung  dieser Familie sprachlos auf dem Beifahrersitz grübelte, über sich selbst geschimpft: jedes Mal hoffe er auf der Hinfahrt, irgendetwas habe sich zum Besseren verändert, es sei aufgeräumt, die Kleinen hätten etwas an, irgendetwas eben. Und wenn er dann wieder zurückfahre, müsse er sich jedes Mal einen Idioten nennen. Also hoffnungslos? Ich bin sehr neugierig. Für rund fünfunddreißigtausend Mark hat das von Sabina geleitete Familienprojekt Duga Help im Dorf der Eltern des Mannes ein Häuschen gebaut und eingerichtet. Es ist  nicht groß, nur zwei Wohnräume und ein Speicher im Dach, aber es hat Türen und Fenster, ist aus massivem Stein, besitzt einen Herd und die nötigsten Möbel. Dazu ein bisschen Kleinvieh. Ein Anfang. Dennoch ist es nichts Gutes, was ich auf der Fahrt heute hierher höre. Und was ich schließlich sehe, ist ernüchternd. Nichts hat sich wirklich verändert.  Als wir kommen, hockt die Frau vor dem Haus, um sie herum drei ihrer sieben Kinder, das Jüngste, etwa eineinhalb Jahre alt, sitzt nackt im Dreck, dessen Farbe es längst angenommen hat. Über dieser graubraunen Schicht, die die Hautfarbe nicht mehr erkennen lässt, ist es überzogen von schwarzem, verkrustetem Schlamm, Schmadder, Mist - was auch immer. Sitzt dort und kratzt sich zwischen den Beinen. Sabina marschiert ins Haus. Keines der Einrichtungsstücke bis auf den Herd, auf dem sich ein schimmelndes Chaos aus Geschirr, Knochen und Undefinierbarem stapelt, ist mehr als solches erkennbar. Ein Stuhl liegt mitten im Raum, streckt die ihm verbliebenen  drei Beine wie ein Kadaver in die Luft, darum herum Trümmer eines großen Rinderknochens auf dem Boden verteilt, zusammen mit einer Schicht aus Dreck, Essensresten, Geschirr, schmutziger Wäsche auf den Dielen, deren Holz sich nur noch erahnen lässt.

Sabine spricht ruhig, sehr ernst, wenige Worte. Die Frau nickt, murmelt vor sich hin, beginnt hektisch und planlos den Unrat von hier nach dort zu räumen. Der Raum ist schwarz von Fliegen. Der Geruch beginnt sich in meinem Magen auszubreiten und wieder nach oben zu drängen. Im zweiten Raum lagert auf dem Boden und auf einer Matratze eine große Menge schmutiger Kleidung. In einer kleinen Kammer stehen Töpfe mit einer dunkelgrauen Brühe, in der tote Fliegen schwimmen.

Über eine geländerlose Außentreppe, auf der die Kinder halsbrecherisch herumturnen, gelangt man unter das Dach. Hier lagern - immerhin sauber auf Tüchern ausgebreitet - ein paar Bohnen und Mais. Dahinter wieder große Haufen schmutziger Wäsche. Auch um das Haus herum liegen Kleidungsstücke verstreut, dazwischen übereinander geworfen verkrustetes Geschirr.

Das älteste Kind, vierzehn Jahre alt, ist behindert und lebt in Bosanska Krupa auf der Straße. Der Junge kommt nur noch sporadisch nach Hause und randaliert dann. Vor einiger Zeit trat er seinem  jüngsten Geschwisterchen so heftig auf den Kopf, dass dieses anschließend zwei Wochen lang im Krankenhaus lag.

Auf der Rückfahrt durch das idyllische Tal der Unna fragt Sabina: "Was sollen wir mit denen nur machen?". Wie soll ich das wissen. All die Maßnahmen, die uns in Deutschland leicht über die Lippen kämen, psychosoziale Betreuung, Familientherapie, klingen angesichts der finanziellen Situation in Bosnien eher zynisch, alles andere scheint mir an der totalen Orientierungslosigkeit und Apathie der beiden Eltern zu scheitern. Kein Kind geht zur Schule. Die Eltern sind Analphabeten, also werden es auch die Kinder sein. Die Familie ist bereits einmal aus dem Unterstützungsprogramm  herausgeflogen. Zu groß war wohl die Enttäuschung, dass all der Einsatz, das Leben der Familie auf einen guten Weg zu bringen, so offensichtlich sinnlos war. Zum Abschied hatte Sabina gefragt: "Hast du Essen im Haus?" - "Nein." Und ein Schulterzucken.

Admir sagt später: "Wenn wir damals Azras Familie, die ähnlich gelebt hat, fallengelassen hätten, wäre Azra längst tot."

Er hat die Idee, die zwei jüngsten Kinder im Heim aufzunehmen und so die Familie für eine begrenzte Zeit zu entlasten. Doch die Frau sträubt sich, weinte, als er ihr den Vorschlag machte. Auch das Sozialamt hat Bedenken: Könnten die zwei nach dem geregelten Leben im Heim jemals wieder in dieser Familie existieren? Wie könnte es gelingen, in dieser Zeit die Eltern lebenstüchtiger zu machen?  Sicher nur dann, wenn man es fertig bringt, ihren Tag zu strukturieren. Laut Sabina steht die Frau irgendwann auf, weiß nicht, welches Datum, welcher Tag, welche Uhrzeit, setzt sich hin, sitzt da, geht irgendwann wieder schlafen. Nur ein fester Plan mit Piktogrammen für drei Mahlzeiten und für diverse Aufgaben des täglichen Lebens zwischen diesen Mahlzeiten könnte hier helfen. Und wenn diese Piktogramme abgehakt und die Arbeiten wirklich erledigt sind, gibt es die Unterstützung für den nächsten Tag oder die nächste Woche. Das klingt hart, scheint mir aber besser, als sie ganz fallen zu lassen. Denn die Kinder zumindest können wirklich nichts für ihre Lebensumstände. Fraglich ist nur, wer diese tägliche Kontrolle und Betreuung leisten soll und ob die Frau aufgrund ihrer psychischen und intellektuellen Situation überhaupt in der Lage ist, Selbstständigkeit und Verantwortung zu erlernen.

Tief in Gedanken fahre ich von Bihac die halbe Stunde nach Kulen Vakuf, beobachte, fotografiere, schreibe, gehe schließlich mit Admir in einer der Gostionas an der Brücke ein Bier trinken. Der Wirt spricht Deutsch. Es gibt Preminger, das im Fluss gekühlt wird, und eine große Kanne bosnischen Kaffee. Wir erzählen einander, der Blick ist schön, ich sitze so, dass ich die Ruine am anderen Ufer nicht sehe.

Abends gehen wir mit Admir und Sabine  essen. Den Genuss des frischen Fisches stört ein wenig der Gedanke an die Bahngleisfamilie. Was werden die heute essen? Nur schwer lassen sich die Gedanken wieder zum Gespräch lenken. Beim anschließenden Abendspaziergang staunen Dorothea und ich über die unzähligen Restaurants, Bars und Cafés, über das bunte Treiben, die vielen jungen Leute auf der Straße. Eine fröhliche, sehr lebendige Atmosphäre mit überlauter Musik prägt die Innenstadt am Samstagabend und - wie Sabina sagt - an jedem Abend. Trotz der vielen Sorgen der Menschen hier, der Arbeitslosigkeit, des Wohnungsmangels, der Armut: die Menschen versuchen ihr Leben zu genießen so gut es geht.

Am Sonntag, nach einer langen Besprechung Dorotheas mit einigen Erzieherinnen über jedes einzelne Kind und einem sehr herzlichen Abschied, machen wir uns am frühen Nachmittag auf die Heimfahrt. Die dauert zehn Stunden. Länger nicht.

Bernd Mittenzwei

 


Zuletzt geändert am 21.01.2012 
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